Die Leib-Seele-Vorstellung der Romantischen Anthropologie als Vorstufe zur Psychologie und Psychiatrie der Moderne. Troxlers Naturlehre des menschlichen Erkennens, oder Metaphysik

Uli WUNDERLICH

Fern Universität Hagen, Forschungsarchiv Romantische Anthropologie, Feithstrasse 188, 58084 Hagen, Deutschland
<Ulrike.Wunderlich@fernUni-Hagen.de>

 

Die Frage nach den Wechselbeziehungen zwischen Körper und Geist spielt in Medizin und Philosophie um 1800 eine bedeutende Rolle. Zu dieser Zeit wird die Wissenschaft vom Menschen von einer empiristischen Basis auf die des Idealismus umgestellt. Zwei Neuerungen erweisen sich dabei als besonders wichtig : zum einen stehen polare, produktiv interagierende Prinzipien im Zentrum aller Theorien - zum anderen wertet man die Einbildungskraft von einem der unteren zum maßgeblichen Seelenvermögen auf. Deren unbewußte Aktivitäten sind nicht nur für die Vorstellungen verantwortlich, sie liegen außerdem auch allen organischen Prozessen zugrunde. Ausschlaggebend dafür ist Schellings Mitte der 1790er Jahre entwickelte Naturphilosophie.

Der Schweizer Arzt Ignaz Paul Vital Troxler (1780-1866) unterscheidet zwei Systeme, die er als zwei Seelen mit einer je eigenen Form von Bewußtsein begreift. In seinem Buch Naturlehre des menschlichen Erkennens, oder Metaphysik, veröffentlicht 1828, beschreibt er den Mensch als ein Doppelwesen, das im rhythmischen Wechsel zwischen "leiblicher" und "seelischer" Psyche lebt. Erstere bezieht den Menschen auf den Körper, letztere auf den Geist. Beide sind vermittelnde Instanzen zwischen dem absoluten Gegensatz, die vor allem im Schlaf miteinander kommuninizieren. Daß das Bewußtsein dabei ausgeschaltet ist, ermöglicht die vorübergehende Rückkehr in den ursprünglichen Einheitszustand. Alle Negativismen eines dualistischen Menschenbildes werden auf den Körper verlagert, den man sich wie ein Tier naturnah, aber völlig abhängig von der Außenwelt vorstellen muß.

Troxler argumentiert ontologisch, mischt eklektisch spekulative und empirische Ansätze. Seine Publikation ist weder begrifflich exakt noch argumentativ stringent. Dennoch gelingt es seinem Polaritätskonzept, das seit Descartes relevant gewordene "Commercium-Problem" aufzuheben. Es erklärt Phänomene wie Hypnotismus, Somnambulismus und Vorahnungen im Traum und enthält darüber hinaus die Grundlagen für eine Theorie der Persönlichkeitsspaltung. Zugleich birgt die Theorie ein ungeahntes Gefahrenpotential : wenn das Unbewußte nicht mehr eine Aktivität der Seele ist, sondern eine des Körpers, ist die Autonomie des Subjekts nicht mehr gewährleistet. Die romantische Anthropologie wird dort prekär, wo sich die geistgeprägte Natur endgültig zur Triebnatur wandelt. Schopenhauer, Darwin und Nietzsche repräsentieren diesen Prozeß in unterschiedlicher Weise. Freuds Traumtheorie ist eine logische Konsequenz dieser Entwicklung.

 

Plenary 4   (Johann Georg Sulzer Lecture)
Thursday, 16 September 1999
10.55

The Neurosciences and Psychiatry: Crossing the Boundaries

Joint Congress of the European Association for the History of Psychiatry (EAHP), the European Club for the History of Neurology (ECHN), and the International Society for the History of the Neurosciences (ISHN)

Zurich and Lausanne, Switzerland, 13-18 September 1999