130 Jahre moderne Psychopharmakologie

Matthias M. WEBER

Max-Planck-Institut für Psychiatrie, Historisches Archiv der Klinik, Kraepelinstrasse 2, 80804 München, Deutschland
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Moderne Psychopharmaka zählen zu den wichtigsten Therapiemethoden der Psychiatrie und anderer medizinischer Disziplinen. Trotz der hohen praktischen Bedeutung wird diese Arzneimittelgruppe häufig ambivalent bewertet. Neben der öffentlichen Kritik postulierten auch fachinterne Experten eine Innovationskrise der Psychopharmakologie, da die überwiegende Mehrzahl der gebräuchlichen Präparate auf Prinzipien beruht, die bereits in den 1950er Jahren zur Zeit ihrer Markteinführung bekannt waren. Hinzu kommt die Vermutung, daß viele, auch heute noch wichtige Psychopharmaka das Resultat von serendipities, d.h. von "zufälligen" Erkenntnisprozessen seien. Die Entstehung der Psychopharmakologie und ihres Denkstils bietet somit zahlreiche Ansatzpunkte für eine medizingeschichtliche und wissenschaftstheoretische Betrachtung, die auch zum Verständnis aktueller Entwicklungen der klinischen Psychiatrie beitragen kann. Im Vergleich zur Genese der psychotherapeutischen Verfahren existieren bislang allerdings nur wenige einschlägige Darstellungen. Anhand einiger historischer Beispiele sollen die Möglichkeiten dieses Untersuchungsansatzes verdeutlicht werden.

Obwohl die Arzneibehandlung psychischer Störungen auf eine bis in die Antike reichende Tradition zurückblicken kann, begann die systematische Psychopharmakotherapie nach 1800 mit der Opiumkur depressiver Syndrome. Das erste moderne Psychopharmakon, d.h. ein zur Behandlung psychischer Störungen synthetisch hergestelltes Arzneimittel, bildete das 1869 von Oscar Liebreich beschriebene Chloralhydrat. Dessen Einführung wies zahlreiche Charakteristika auf, die psychopharmakologische Entwicklungprozesse langfristig bestimmten, wie etwa die Bedeutung der organischen Chemie und typische Abfolgen in der therapeutischen Konzeptbildung. Die klinische Psychiatrie war hingegen nicht vorrangig Ausgangspunkt pharmakologischer Innovationen, da für die klassische Psychopathologie eine erfolgreiche arzneiliche Beeinflussung komplexer psychischer Syndrome nicht vorstellbar erschien. Dies galt auch noch bei der Entwicklung der modernen Neuroleptika und Antidepressiva, die zwar nicht aus einer spezifischen Forschung resultierten, deren Genese rückblickend aber letztlich den Werdegang der naturwissenschaftlich geprägten Medizin seit 1850 bis heute widerspiegelt. Die neurobiologische Theoriebildung ist daher als Folge und nicht als Voraussetzung der neueren Substanzen zu betrachten.

 

Panel 1A   (Prolonged Baths)
Tuesday, 14 September 1999
12.30

The Neurosciences and Psychiatry: Crossing the Boundaries

Joint Congress of the European Association for the History of Psychiatry (EAHP), the European Club for the History of Neurology (ECHN), and the International Society for the History of the Neurosciences (ISHN)

Zurich and Lausanne, Switzerland, 13-18 September 1999