Wahnsinn hat viele Realitäten : Medizinische Traditionen und Alltag psychisch Kranker im frühneuzeitlichen Zürich

Aline STEINBRECHER

Medizinhistorisches Institut der Universität Zürich, Rämistrasse 71, 8006 Zurich, Schweiz
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Wegleitende Fragestellung dieses Beitrags ist die Ermittlung des (medizinischen) Alltags psychisch Kranker im frühneuzeitlichen Zürich. Finden sich theoretische Konzepte in der medizinischen Praxis und im medizinischen Alltag wieder ? Es soll die Frage nach dem Zusammenhang von Theorie und Praxis in der Behandlung und im Umgang mit Geisteskranken gestellt werden. MacDonald schlägt vor, man solle in der Psychiatriegeschichtsschreibung sowohl die "great tradition" der studierten Experten, als auch die "little tradition" der Bevölkerung untersuchen und deren Beziehung zueinander aufzeigen. Während aber die "great tradition" der medizinischen Experten immer wieder in Studien berücksichtigt wird, wurde der tatsächliche Umgang mit Wahnsinnigen bis anhin nur selten untersucht. Der alltägliche Umgang mit den Kranken darf aber nicht bloss entlang ärztlichen Schrifttums rekonstruiert werden. Die wirkliche Behandlung Geisteskranker muss aus fragmentarischen Stellungnahmen und Taten von denjenigen, die mit Geisteskranken zu tun hatten, rekonstruiert werden. Quellen dazu sind: Tagebücher, Briefe, Verwaltungschriftgut, Gerichtsakten und Spital- bzw. Irrenhausdokumente. Diese Quellengattungen habe ich für Zürich untersucht und werde die frühneuzeitliche Versorgungsstruktur Geisteskranker im institutionellen, wie familiären Kontext vorstellen. Wie sah die Hospitalisierung von psychisch Kranken aus, mit welchen Mitteln und Massnahmen wurden sie im Spital versorgt? Was lässt sich über die familiäre Versorgung Geisteskranker sagen, welche Umgangsformen und Handlungsweisen finden sich bei Angehörigen und Ärzten. Welche Ursachen- und Erklärungsmodelle von Geisteskrankheit liegen diesen Agitationsmustern zugrunde? Inwieweit beeinflussen diese den Umgang mit Erkrankten und die angewandte Therapie? Kam den ärztlichen Vertreten eine entscheidende Rolle im Umgang und der Behandlung psychisch Kranker zu? Mit diesen und anderen Fragen soll ein Zugang zu der Psychiatriegeschichte der Frühen Neuzeit gefunden werden, der sich nicht an gedrucktem ärztlichen Schrifttum orientiert, psychisch Kranke aber auch nicht als blosse Obkjekte obrigkeitlicher Disziplinierungsmechanismen sieht, sondern die Betroffenen und vor allem deren erlebten medizischen Alltag fokussiert.

 

Panel 9C   (Developing History)
Saturday, 18 September 1999
9.25

The Neurosciences and Psychiatry: Crossing the Boundaries

Joint Congress of the European Association for the History of Psychiatry (EAHP), the European Club for the History of Neurology (ECHN), and the International Society for the History of the Neurosciences (ISHN)

Zurich and Lausanne, Switzerland, 13-18 September 1999