Dr. med. Oskar Panizza (1853-1921). Leben und Werk des geisteskranken Arztes, Schriftstellers und ersten Antipsychiaters und seine Bedeutung für das  Paraphreniekonzept  Emil Kraepelins

Jürgen L. MÜLLER

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Die Kindheit Oskar Panizzas wurde überschattet vom "Kissinger Konfessionsstreit", den seine Mutter bis an den Bayerischen Königshof gegen die Katholische Kirche austrug. Juristisch im Unrecht, setzte Mathilde Panizza faktisch die protestantische Erziehung durch, indem sie ihre Kinder an geheimen Aufenthaltsorten verbarg. Mit 23 Jahren erwarb Oskar Panizza das Abitur und studierte anschließend Medizin in München. Seine Dissertation Über Pigment, Myelin, Epithelien und Micrococcen im Sputum, bei Hugo von Ziemssen war mustergültig. Gemeinsam mit Emil Kraepelin wurde Panizza Assistent Bernhard von Guddens an der Oberbayerischen Kreisirrenanstalt München. Familiär mit Geisteskrankheit belastet brach Oskar Panizza mit der Psychiatrie, als er erste Symptome einer Geisteskrankheit an sich selbst wahrnahm. Literarisch suchte er sich von psychiatrischen Symptomen zu entlasten. Als Mitglied der Münchener "Gesellschaft für Modernes Leben" wollte Oskar Panizza den schnellen literarischen Erfolg erzwingen. Die meisten seiner Werke wurden beschlagnahmt. Die mit dem "Liebeskonzil" verbundene Gotteslästerung wurde 1895 mit einem Jahr Gefängnishaft bestraft. Nach der Haft emigrierte Panizza nach Zürich. Als er keinen Verleger mehr fand, gründete Panizza eigenen Verlag der "Zürcher Diskußjonen" und gab eine gleichnamige Zeitschrift heraus. In verschiedenen psychiatriekritischen Veröffentlichungen wie der Psychopathia criminalis entwarf Panizza das Konzept einer "patientenzentrierten" psychistischen Psychiatrie, in dem er wesentliche Inhalte der Antipsychiatriebewegung der 1970er Jahre vorwegnahm. 1898 wurde Oskar Panizza, der wegen Unzucht mit einer Minderjährigen auffällig geworden war, administrativ aus der Schweiz ausgewiesen. Wahnhaft vermutete Panizza, daß die Ausweisung vom Deutschen Kaiser Wilhelm II. veranlaßt war und sah sich vom Deutschen Kaiser verfolgt und beeinträchtigt. Von Paris aus nahm er literarisch den Kampf gegen seinen vermeintlichen Widersacher auf. Wegen der mit den Parisiana begangenen Majestätsbeleidigung wurde Panizzas Vermögen konfisziert und er selbst steckbrieflich verfolgt. Mittellos lieferte sich Panizza 1901 den Münchener Behörden aus. Wegen Geisteskrankheit exkulpiert, verbrachte Panizza 3 weitere Jahre in Paris. Er protokollierte die Symptome seiner fortschreitenden Geisteskrankheit in Tagebüchern und dem Manuskript Imperjalja. Von paranoiden Ängsten und Halluzinationen gepeinigt, erzwang Panizza 1904 schließlich die stationäre Behandlung an der Oberbayerischen Kreisirrenanstalt München. 1905 wegen Geisteskrankheit entmündigt, verbrachte Oskar Panizza seinen Lebensabend in verschiedenen Kliniken in Bayreuth.

Emil Kraepelin traf als Ordinarius für Psychiatrie in München und renommierter Lehrbuchautor auf seinen früheren Kollegen. Nach der Wiederbegegnung mit Panizza entwickelte Emil Kraepelin das umstrittene Krankheitskonzept der "Systematischen Paraphrenien" und illustrierte es in seinen "Vorlesungen" an der Biographie Oskar Panizzas.

 

Panel 8B   (Shock)
Friday, 17 September 1999
14.50

The Neurosciences and Psychiatry: Crossing the Boundaries

Joint Congress of the European Association for the History of Psychiatry (EAHP), the European Club for the History of Neurology (ECHN), and the International Society for the History of the Neurosciences (ISHN)

Zurich and Lausanne, Switzerland, 13-18 September 1999