Anatomie zwischen Leib und Seele: Gehirn und Geisteskrankheit in der frühen Neuzeit.

Michael KUTZER

Medizinhistorisches Institut der Johannes-Gutenberg-Universität, Am Pulverturm 13, 55101 Mainz, Deutschland
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Die galenistische Medizin der frühen Neuzeit verfügte über eine Konzeption, die Wahnsinn und chronische psychische Störung als sich primär körperlich manifestierende "Gehirn-Krankheit" begriff. Das Gehirn bildete auch für die Medizin des 16. und frühen 17. Jahrhunderts den Lokalisations- und Projektionsort mentaler Fähigkeiten und emotionaler Phänomene, jedoch war die diesbezügliche Begrifflichkeit von spezifischen zeittypischen Vorstellungen geprägt, z. B. vom Modell einer "Körperseele". Das Gehirn wurde zum einen als ein mit seelischen Kräften und mentalen Vermögen durchströmtes Organ aufgefaßt, zum anderen als ein Substanzgefüge aus Säften, Qualitäten und "Geisten". In Bezug auf letztere Auffassung kann man durchaus von der Konzeption eines biologischen Substrates mentaler Leistungen und Störungen sprechen.

Das Gehirn war somit die Kontaktsphäre zwischen Körper und Seele und in Bezug auf seine Funktionen philosophischer und physiologischer Argumentation zugänglich. Die Medizin fand zur Erklärung seiner Leistungsstörungen spitzfindige Erklärungsmuster, in denen Erfühltes und Konstruiertes, Metaphorik und Mechanik eine zum Teil erstaunlich plausible Verbindung eingingen. Ergänzend suchte sie auch Anhaltspunkte und Belege für diese Konzepte in der Anatomie, die damals im besonderen Maße die identitätstiftende Forschungsmethode der Medizin war. Die Vorgaben aus der Physiologie des Wahnsinns waren jedoch anatomisch nicht konkret genug, um ein allgemein verbindliches Raster für die Interpretation dieser Befunde zu liefern. Sie waren somit vieldeutig und boten gleichzeitig Erfahrungswerte für Grundwahrheiten, Bestätigungen für die divergierenden tradierten Konzeptionen, hin und wieder auch stichhaltige kritische Ansätze. Hierzu dienten auch die in ersten Ansätzen quantifizierenden Auswertung dieser Befunde als Argumente. Insgesamt blieb die "anatomische Methode" aber im 16. und 17. Jahrhundert ein heuristisches Mittel neben vielen anderen. Im Spiegelbild dieser Methode kann die Konzeption von "Geisteskrankheit als Gehirnkrankheit", wie sie für die frühe Neuzeit galt, jedoch anschaulich erläutert werden.

 

Plenary 4   (Théophile Bonet Lecture)
Thursday, 16 September 1999
10.30

The Neurosciences and Psychiatry: Crossing the Boundaries

Joint Congress of the European Association for the History of Psychiatry (EAHP), the European Club for the History of Neurology (ECHN), and the International Society for the History of the Neurosciences (ISHN)

Zurich and Lausanne, Switzerland, 13-18 September 1999