Kartierung der Emotion: Neurologie und Erster Weltkrieg in den Briefen holländischer Neurologen an Constantin von Monakow

Caroline JAGELLA

Medizinhistorisches Institut der Universität Zürich, Rämistrasse 71, 8006 Zürich, Schweiz
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Der Zusammenhang zwischen Erstem Weltkrieg und Wertewandel in den Neurowissenschaften ist in jüngster Zeit in mehreren Studien untersucht worden. Hier wurde die persönliche Kriegs-Betroffenheit einiger Wissenschaftler als Ausgangspunkt einer Richtungsänderung ihrer Forschungen gesehen, die in der Folge eine Bedeutungsausweitung im Sinne gesellschaftsrelevanter Heilsverkündigungen erfuhren. Gerade diese emotionale Basis der Ideenbildung ist jedoch unklar geblieben, vor allem ihre Verbindung zum wissenschaftlichen Denken scheint sich analytischem Zugriff zu entziehen, weshalb auf Einzelbiographisches zurückgegriffen wurde. Emotionalität als Basis der Ideenbildung ist eine terra inkognita der Wissenschaftsgeschichte. Die Analyse von Briefen könnte hier weiterhelfen, weil in ihnen wissenschaftliche Überlegungen und persönliche Betroffenheit in einem gemeinsamen und umschriebenen Bedeutungsrahmen stehen. Dieses gilt meiner Ansicht nach besonders für diejenigen Naturwissenschaftler, die sich mit Aufbau und Funktion des Gehirns beschäftigen, weil die Analyse der Grosshirnfunktionen die Überleitung zur eigenen Person besonders nahelegt. Für die Neurowissenschaftler zu Beginn des 20. Jahrhunderts gilt zudem, dass die fremden und die eigenen Gefühle zum Objekt wissenschaftlicher Forschung expandierten. Die Auseinandersetzung mit den Emotionen wurde durch Freud zur Auseinandersetzung mit den Grenzen des eigenen Fachs: seine Lehre wurde zum Referenzpunkt der Entscheidung, ob man sich künftig als Neurologen oder Psychiater bezeichnen wollte. Der Erste Weltkrieg kann, als emotionales Initialerlebnis sowohl für die kulturelle als auch die naturwissenschaftliche Wertegemeinschaft, Verbindungen von Wissenschaft und Individuum aufzeigen, die sonst vielleicht eher unreflektiert auf die Arbeit wirken. In den Briefen der holländischen Neurologen Bernardus Brouwer, Christiaan T. van Valkenburg, Ernst de Vries und Cornelius Winkler an Constantin von Monakow wird der Erste Weltkrieg ausführlich thematisiert. Ihre Korrespondenz war zugleich Grundlage einer zum Teil engen wissenschaftlichen Zusammenarbeit auf dem Gebiet von Neurologie und Psychiatrie. Die Diskussionen um Linien, Grenzen, Demarkationslinien, Neutralität, Einigung und Integrität, Individualität und Dynamik scheinen eine Doppelbedeutung zu bekommen, die auf die emotionalen Komponenten ihres wissenschaftlichen Denkens hinlenken könnte. Ich möchte die emotionalen und fachspezifischen Bezüge aufzeigen, in denen der Krieg in diesen Briefen erscheint um damit zu einer Differenzierung des Zusammenhangs von Wissenschaft und Emotion beizutragen.

 

Panel 9C   (Developing History)
Saturday, 18 September 1999
9.50

The Neurosciences and Psychiatry: Crossing the Boundaries

Joint Congress of the European Association for the History of Psychiatry (EAHP), the European Club for the History of Neurology (ECHN), and the International Society for the History of the Neurosciences (ISHN)

Zurich and Lausanne, Switzerland, 13-18 September 1999