Zur Dominanz der Hirnforschung in der Wiener Schule der Psychiatrie

Helmut GRÖGER

Institut für Geschichte der Medizin der Universität Wien, Währingstrasse 25, 1090 Wien, Oesterreich
Tel. 1-427763401
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Die Etablierung des Faches der Psychiatrie an der Universität Wien mit Gründung der Klinik 1870 und Besetzung des Ordinariates 1873 durch Theodor Meynert, entsprechend den Grundsätzen der Wiener medizinischen Schule auf pathologisch-anatomischer Grundlage, brachte faßt ausschließlich Erkenntnisse auf dem Gebiet der Hirnforschung, wie die der Zytoarchitektonik, des Unterscheidens von Projektions- und Assoziationsfasern oder der Erklärung von Geisteskrankheiten aus dem Gegensatz zwischen Kortex und den phylogenetisch älteren subkortikalen Zentren. Meynert hatte sowohl ein Hirnforschungslabor wie auch eine neurologische Ambulanz geschaffen. 1882 gründete der Leiter der bedeutendsten privaten psychiatrischen Heilanstalt, Heinrich Obersteiner, ein neurologisches Institut, das der Erforschung des Zentralnervensystems diente und aus dem das weltweit erste Hirnforschungsinstitut hervorging, in dem fast alle Neuropathologen der Wiener Schule gearbeitet haben. Beide, Meynert wie Obersteiner haben die weitere Entwicklung nachhaltig geprägt. Die Dominanz der organisch-biologischen Auffassung und damit ebenso der zentralen Bedeutung der Hirnforschung in und für die Psychiatrie der Wiener medizinischen Schule, die weit in das 20. Jh. hinein reicht, kann einerseits daran gezeigt werden, daß 1928 Constantin Economo, dem Erstbeschreiber der Encephalitis lethargica epidemica und des Schlafsteuerungszentrums im Hirnstamm, mit dessen - Theodor Meynert gewidmetem - Hauptwerk über die Zytoarchitektonik der Hirnrinde des erwachsenen Menschen, in engster Wahl für die Besetzung des Lehrstuhles für Psychiatrie stand, dann mit Otto Pötzl ebenso ein fast ausschließlich an der Hirnforschung Interessierter berufen wurde und Economo an dessen Klinik ein eigenes Hirnforschungsinstitut erhielt. Andererseits psychodynamische Auffassungen, wie die der Psychoanalyse Sigmund Freuds, das organisch-biologische Konzept verlassend, weiter kaum Akzeptanz seitens der Wiener Schule finden konnten. Pötzl, der sich vorwiegend mit großhirnpathologischen Störungen befaßte und ein neurophysiologisches Konzept vertrat, gelangen grundlegende Erkenntnisse über Aphasie, optisch-agnostische Störungen sowie über verschiedenste Störungen der zeitlichen und räumlichen Wahrnehmung, hat auch in Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse die Freudsche Traumtheorie hirnorganisch zu belegen versucht. Erst Hans Hoff, 1950 zum Ordinarius berufen, vertrat die Auffassung der multifaktoriellen Kausalität psychiatrischer Erkrankungen und damit die Einbeziehung psychodynamischer und sozialpsychiatrischer Auffassungen, womit die Dominanz der Hirnforschung nicht mehr gegeben war.

 

Panel 1B   (Evolution and Dissolution)
Tuesday, 14 September 1999
12.30

The Neurosciences and Psychiatry: Crossing the Boundaries

Joint Congress of the European Association for the History of Psychiatry (EAHP), the European Club for the History of Neurology (ECHN), and the International Society for the History of the Neurosciences (ISHN)

Zurich and Lausanne, Switzerland, 13-18 September 1999