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Book Review: Baechler on Volker Roelcke, _Krankheit und Kulturkritik: Psychiatrische Gesellschaftsdeutungen im buergerlichen Zeitalter (1790-1914)_ (Frankfurt am Main/New York: Campus Verlag, 1999)



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Date: Sat, 25 Dec 1999 17:29:29 -0500
From: "Harry M. Marks, H-SCI-MED-TECH" <smt@H-NET.MSU.EDU>
Subject: Review: Baechler on Roelcke, _Krankheit und Kulturkritik_
Sender: "H-NET List on the History of Science, Medicine, and 
Technology" <H-SCI-MED-TECH@H-NET.MSU.EDU>

H-NET BOOK REVIEW
Published by H-Soz-u-Kult@h-net.msu.edu (December, 1999)


Volker Roelcke.  _Krankheit und Kulturkritik. Psychiatrische
Gesellschaftsdeutungen im buergerlichen Zeitalter (1790-1914)_.  Frankfurt
am Main/New York: Campus Verlag, 1999.  252 S.  Preis 58.00 (taschenbuch),
ISBN 3-593-36208-2.

Reviewed for H-Soz-u-Kult by Maja Baechler 
Institut fuer Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universitaet zu Berlin

Neurasthenie war und ist ein "Modethema". Ende des 19. Jahrhunderts
beschaeftigte sich die westeuropaeische Oeffentlichkeit mit der
Nervositaet oder Nervenerschoepfung als Zeichen des Verfalls der
Gesellschaft.[1] Heute setzen sich vermehrt Medizinhistoriker/innen mit
diesem Phaenomen auseinander.

Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um eine ueberarbeitete Version
der Habilitationsschrift von Volker Roelcke, die bei der Medizinischen
Fakultaet der Universitaet Bielefeld eingereicht wurde. Der
Untersuchungszeitraum beginnt im ausgehenden 18. Jahrhundert. Roelcke
begruendet dies mit dem zu dieser Zeit entwickelten Modell des
Nervensystems, das die Moeglichkeit bot, nicht nur das Zusammenspiel im
Koerperinneren sondern auch die Wechselwirkung des Koerperinneren mit der
Aussenwelt zu untersuchen und sich damit von der bisherigen
Humoralpathologie unterschied. Ausserdem verweist Roelcke auf das Werk
Jean-Jacques Rousseaus, der Natur und Kultur gegenueber stellte und die
Verderbtheit des Kulturmenschen gegenueber "primitiven" Voelkern betonte.
Dies habe die Entstehung eines Diskurses ueber ein Phaenomen wie die
"Zivilisationskrankheit" ermoeglicht - der Begriff selbst wurde allerdings
erst Ende des 19. Jahrhunderts eingefuehrt.

Roelcke verwendet den Begriff der "Zivilisationskrankheit" als eine Art
Spiegel, um die Geschichte der buergerlichen Selbstwahrnehmung und des
buergerlichen Selbstverstaendnisses durch den medizinischen Diskurs
abzubilden. Voraussetzung hierfuer ist die Annahme, dass die Analyse des
zeitgenoessischen Sprachgebrauchs bestimmter, ausgewaehlter Begriffe einen
Zugang zur historischen Realitaet eroeffnet und fuer die Fragestellung
nach der Entstehung und Veraenderung eines Phaenomens - wie dem
buergerlichen Selbstverstaendnis - nutzbar gemacht werden kann. Roelcke
lehnt sich in seiner kulturanthroprologischen Herangehensweise bewusst an
die Begriffsgeschichte von Reinhart Koselleck an. In Abgrenzung zum
sozialhistorisch gepraegten Ansatz von Joachim Radkau, der nicht von einem
ausschliesslich "terminologischen" Konstrukt, sondern von realen
Leidenserfahrungen und somit von einer "tatsaechlichen" Zunahme nervoeser
Zustaende ausgeht,[2] sieht Roelcke in dem vermehrten Zugriff auf das
Deutungsmuster Neurasthenie keine reale Basis. Waehrend Radkau bemaengelt,
dass man die "Erfahrung der Betroffenen [der an Neurasthenie erkrankten;
MB] [...] nur durch die Brille des 'aerztlichen Blicks' zu sehen
bekommt"[3], will sich Roelcke gerade diesen Blick zunutze machen, da er
in dem Mediziner einen zentralen Akteur des medizinischen Diskurses sieht,
der gleichzeitig fest in der buergerlichen Gesellschaft verwurzelt ist.
Geschichts- und Gesellschaftsdiagnosen des Mediziners aber seien Teil und
Ausdruck bildungsbuergerlicher Kultur (S.30). Fuer Roelcke sind Diskurse
"Resultate von Aushandlungsprozessen" (S.29) und somit dynamischer und
auch weiter gefasst, als es der diskursanalytische Ansatz Foucaults
zulassen wuerde.

Roelcke tastet sich in mehreren Schritten an seinen
Untersuchungsgegenstand heran. Zunaechst beschreibt er die Bedingungen die
im 18. Jahrhundert Aufmerksamkeit gegenueber einem Phaenomen wie der
Zivilisationskrankheit entstehen liessen. Innerhalb seines
Untersuchungszeitraumes waehlt er herausragende Mediziner und
"Psychologen" aus, die stufenweise den Begriff der Zivilisationskrankheit
neu geformt oder veraendert haben. Um ihre Verwurzelung in der
buergerlichen Gesellschaft nachzuweisen, erfasst Roelcke sie zunaechst
biographisch und widmet sich dann ihren Schriften. Diese werden in zwei
Teile gegliedert: einen vorwiegend medizinischen und einen vorwiegend
gesellschaftlichen. Im medizinischen Teil geht Roelcke auf die Bedeutung
ihrer Schriften im medizinischen Diskurs ein, waehrend er im
gesellschaftlichen Teil anhand der Kategorien Natur, Kultur, Gesellschaft,
Geschichte und Zivilisation die Sicht der Akteure auf diese Kategorien
durch den medizinischen Diskurs beleuchtet. Roelckes Untersuchungszeitraum
endet mit der Aufsplitterung der zeitgenoessischen Neurasthenie-Debatte in
drei wirkungsgeschichtlich relevante Teile am Anfang des 20. Jahrhunderts.
Hier beginnt eine neue Aera der Wahrnehmung von Zivilisationskrankheiten,
die fuer seine Fragestellung nach der Entwicklung eines buergerlichen
Selbstverstaendnisses, keine Rolle mehr spielt. Roelcke will sich zwar
ausdruecklich auf den deutschen Sprachraum beschraenken, zieht aber die
Theorien anderssprachiger Laender hinzu, die der deutschsprachigen
Oeffentlichkeit auf diesem Gebiet neue Impulse gaben.

Roelcke beginnt mit einer Analyse der Vorstellungen von einem der Pioniere
der "modernen" Psychiatrie, dem Mediziner Johann Christian Reil, der die
These von einer Ueberempfindlichkeit des menschlichen Koerpers bei
fortschreitender Entwicklung der Kultur im Sinne von Bewegungslosigkeit
und Vergnuegungssucht, aufstellte. Der Begriff "Cultur" erfaehrt bei Reil
eine negative Bewertung, da ein Zusammenhang von Kultur und erhoehter
Anfaelligkeit von Nervenkrankheiten angenommen wird. Die Voraussetzungen
dieser Denkart schuf Reil, indem er eine theoretische Trennung des
koerperlichen Organismus und einer ausserkoerperlichen Welt, die in
Wechselwirkung zueinander stehen, zuliess. Erst mit dieser Konstruktion
war es moeglich, negative oder positive Einfluesse der Aussenwelt auf den
Organismus zu denken.

Das folgende Kapitel markiert den Verlauf der Auseinandersetzungen um den
Begriff der Zivilisationskrankheit und beginnt mit den Anfang des 19.
Jahrhunderts diskutierten Kontroversen namentlich zwischen Johann
Christian Heinroth und Christian Friedrich Nasse. Sowohl Somatiker als
auch Psychiker basierten ihre Hypothese auf der Annahme, dass die Seele
eine vom Koerper unabhaengige Existenz haben muesse, was theologisch mit
der Praemisse der Unsterblichkeit der Seele begruendet wurde. Der
"Somatiker" Nasse war im Gegensatz zu Heinroth eher praxisorientiert und
begann mit einer Klassifizierung der verschiedenen Formen des "Irreseyns".
Er beschaeftigte sich weniger mit den auf die Seele einwirkenden aeusseren
Einfluessen, als vielmehr mit der Wechselwirkung zwischen Koerper und
Seele. Ein Vergleich der beiden fuehrt Roelcke zu der Behauptung, durch
die Ausklammerung der sozialen Welt innerhalb des psychiatrischen
Diskurses gehe dieser konform mit der "Entpolitisierung des akademischen
und oeffentlichen Lebens" (S.67) durch die Karlsbader Beschluesse. Erst
durch die Julirevolution in Frankreich sei es zu einer erneuten
Politisierung der Diskussionen um das "Irreseyn" gekommen.

Der von Roelcke herausgegriffene Vertreter dieser neuen Generation ist
Wilhelm Griesinger, der sich von seinen Vorgaengern vor allem durch die
Ablehnung religioes autorisierter Anthropologie abgrenzte und fuer die
"Politisierung der Physiologie im Sinne buergerlich-liberaler
Wertvorstellungen" (S.79) eintrat. Er sah in der sozialen Lage eine
zentrale Determinante psychischer Erkrankungen, was zu
sozialreformerischen Agitationen fuehrte. Der Franzose Benedict Auguste
Morel fuehrte den Begriff der Degeneration in die Wissenschaftssprache
ein, der sich schnell im deutschsprachigen Raum verbreitete und rezipiert
wurde, so auch von Griesinger. Fuer ihn bot das Degenerationskonzept die
Moeglichkeit, den Uebergang von krank zu gesund zu konzeptionalisieren,
und er ebnete damit den Weg, die Zivilisationskrankheit auch ausserhalb
psychiatrischer Institutionen zur Untersuchung zu eroeffnen. Die Natur
steht bei Griesinger der Bildung und Kultur als das Individuum hemmende
und schaedigende Kraft gegenueber. Zwar erkannte er, dass auch die moderne
Zivilisation Risiken der psychischen Gefaehrdung beinhalten kann, doch
glaubte er an den Fortschritt allgemein und den der Medizin als Mittel der
Kompensation im besonderen. Weiterentwickelt wurden seine Theorien vor
allem von Richard von Krafft-Ebing, Valentin Magnan und Paul Julius
Moebius, insofern sie keinen Lebensbereich von Krankheitsverdacht
ausschlossen und damit das Deutungsangebot der Zivilisationskrankheit
entscheidend erweiterten.

Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts hielt die Elektrizitaetslehre
Einzug in den psychiatrisch-medizinischen Diskurs. Damit wurde ein neues
Paradigma, die Neurologie, geschaffen. Roelcke stellt im folgenden einen
Zusammenhang zwischen der Elektrifizierung der Grossstadt und der
"elektrifizierenden" Interpretation des Nervensystems her. Diese
Verknuepfung habe zur "Entdeckung" des neuen Krankheitsbildes
"Neurasthenie" gefuehrt. George Miller Beard formulierte als erster eine
Theorie ueber diese Namensschoepfung als eigenstaendige Krankheitseinheit.
Der Amerikaner lokalisierte verschiedene Krankheitssymptome im
Nervensystem und fasste das Krankheitsbild unter dem neuen Begriff
zusammen. Hervorgerufen wurden diese Symptome nach der Theorie Beards
durch den Faktor "moderne Civilisation", insbesondere durch die
Begleiterscheinungen einer Industrienation. Damit wurde erstmalig das
Krankheitsbild einer Zivilisationskrankheit als eigenstaendiges und
spezifisches wahrgenommen. Roelcke vermutet daher, dass die sich aendernde
bildungsbuergerliche Selbstwahrnehmung hier ein sichtbares Zeichen
hinterlassen hat, da das Buergertum sich zu diesem Zeitpunkt (1880 bis ca.
1895) in einer Krise befunden habe, die Zweifel an der industrialisierten
Gesellschaft aufkommen liess. Beards Theorien wurden auch im
deutschsprachigen Raum rezipiert und weiterentwickelt. Verfeinert wurde
der Begriff der Degeneration durch biologische und aesthetische Deutungen,
beeinflusst vor allem von sozialdarwinistischen Ansaetzen und der Idee der
"Decadence".

Ende des 19. Jahrhunderts wurden immer mehr Schriften zu der Erscheinung
der Zivilisationskrankheit publiziert. Erwaehnenswert sind hierbei
besonders die Schriften Emil Kraepelins, der neue Klassifikationen fuer
bestimmte Symptome entwickelte. Hierzu benutzte er empirische Methoden,
indem er zum einen die Krankheitsakten fuer laengerfristige Forschungen
zugaenglich machte und zum anderen Raeume schaffte, in denen er die
Patienten/innen besser beobachten konnte. Fuer ihn hatten soziale
Variablen keinen Einfluss auf das Nervensystem, psychische Stoerungen
seien vielmehr determiniert durch biologische Prozesse. Degeneration
betreffe demzufolge nicht nur Individuen, sondern vielmehr die ganze
Nation, weswegen er den Staat zur Durchfuehrung einer Art "Rassenhygiene"
zu verpflichten versuchte. Kraepelins Vorschlaege und Ansaetze wurden von
seinen Zeitgenossen zum Teil kritisch rezipiert. Vor allem Oswald Bumke
gab in seinen Ueberlegungen sozialen und psychischen Variablen mehr Raum.

Roelcke wendet dann seinen Blick nach Wien zu Siegmund Freud. Fuer ihn war
vor allem die Verdraengung schuld am kulturellen Niedergang der
Gesellschaften. Anders als Kraepelin sah Freud jedoch Wechselwirkungen
zwischen soziologischen und biologischen Ursachen und Wirkungen.

Doris Kaufmann stellte 1995 die These auf, dass die Herausbildung der
buergerlichen Gesellschaft und die Entstehung eines psychiatrischen
Diskurses etwa zeitgleich erfolgten und miteinander in einen Kontext zu
setzen sind [4]. Darauf aufbauend hat Roelcke den medizinischen Diskurs um
die Zivilisationskrankheit und hier insbesondere die Neurasthenie
herausgegriffen, um durch einen Teil der buergerlichen Gesellschaft - den
Mediziner - exemplarisch die buergerliche Selbstwahrnehmung aufzuspueren.
Dies ist ihm in jeder Hinsicht gelungen. Etwas duerftig faellt seine
Behandlung der historischen Hintergruende der jeweiligen Zeitabschnitte
aus. Hier bezieht sich Roelcke vornehmlich auf historische
Standardliteratur (Wehler, Nipperdey) und beleuchtet den historischen
Rahmen, in dem sich die Mediziner bewegten in etwa ein-seitigen
Ueberblicksdarstellungen. Im Hinblick auf seine Fragestellung und die von
ihm verwendete Methode laesst sich diese Kuerze rechtfertigen, und eine
detailliertere Einordnung in den historischen Hintergrund haette
vermutlich sein eigenes Anliegen mehr verschleiert als aufgehellt.
Trotzdem:Wer dieses Buch liest, sollte genuegend Wissen ueber die
Ereignis- und Geistesgeschichte der Epoche mitbringen und sich ein
medizinisches Fachwoerterbuch zurechtlegen, da viele Fachbegriffe der
Medizin ungeklaert bleiben.

Anmerkungen

[1]. Wolfgang Eckart: "Die wachsende Nervositaet unserer Zeit". Medizin
und Kultur um 1900 am Beispiel einer Modekrankheit, in: G. Huebinger / R.
vom Bruch / F.W.Graf (Hgg): _Kultur und Kulturwissenschaften um 1900 II:
Idealismus und Positivismus_. Stuttgart 1997, S. 207-226, hier: S. 207.

[2]. Vgl. Joachim Radkau: _Die wilhelminische Aera als nervoeses Zeitalter
oder: Die Nerven als Netz zwischen Tempo- und Koerpergeschichte_, in: GG
20 (1994), S.211-241, hier S.224.

[3]. Ibidem. S. 226.

[4]. Doris Kaufmann.  _Aufklaerung, buergerliche Selbsterfahrung und die
"Erfindung" der Psychiatrie in Deutschland 1770-1850_. Goettingen 1995.

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